Fleckviehkuh auf einer Weide am Oeschinensee im Berner Oberland

Sinkende Schlachtkuhpreise, steigender Aktienkurs

Die Trockenheit zwingt Schweizer Bauern, Kühe früher zu schlachten. Während die Produzentenpreise nachgeben, vermeldet der grösste Fleischverarbeiter der Schweiz ein Rekordhalbjahr und kündigt höhere Fleischpreise für Konsumenten an. Damit stellt sich die Frage, wo in der Kette die Marge entsteht.

Der Wochenpreis für Schlachtkühe ist erneut um 20 Rappen gesunken, innerhalb von zwei Wochen um insgesamt 30 Rappen. Für Verarbeitungskühe liegt er damit bei rund 10 Franken pro Kilogramm Schlachtgewicht. Der Grund ist ein Überangebot. Weil Futter und Wasser fehlen, liefern Betriebe Tiere ab, die sie nicht durch den Winter bringen. Seit Juni wurden in der Schweiz rund 80’000 Rinder geschlachtet, 17 Prozent mehr als im Vorjahr.

Gleichzeitig hat die Aktie der Bell Food Group innerhalb weniger Tage um rund 20 Franken auf über 200 Franken zugelegt, ein Plus von etwa 10 Prozent. Auslöser war das Halbjahresergebnis: Der Umsatz stieg organisch um 1,9 Prozent auf 2,4 Milliarden Franken, der Betriebsgewinn um 15,4 Prozent auf 76,4 Millionen Franken, der Reingewinn um 21,3 Prozent auf 55,4 Millionen Franken. Das Unternehmen begründet den Rekord mit der Ausrichtung auf margenstärkere Produkte.

Preise sinken beim Produzenten, steigen sollen sie beim Konsumenten

Marco Tschanz, Chef der Bell Food Group, kündigt höhere Fleischpreise an. „Wie Marco Tschanz gegenüber der Nachrichtenagentur AWP ausführte: ‚Tendenziell ja. Wir geben Preisbewegungen grundsätzlich in beide Richtungen weiter.‘“ Beim Rindfleisch werde der Effekt deutlicher ausfallen, weil die vorgezogen geschlachteten Tiere ab September auf dem Markt fehlen. Bell baut deshalb Lagerbestände auf und friert bereits jetzt Fleisch für das Weihnachtsgeschäft ein.

Die Argumentation ist nachvollziehbar, aber nicht unbestritten. Proviande hält fest, dass ein Teil der Schlachtungen lediglich zeitlich vorgezogen ist und das Ausmass unklar bleibt. Tiefgekühltes Fleisch lässt sich später vermarkten, was einen Preisanstieg dämpft. Wer heute zu gesunkenen Preisen einkauft und einlagert, verkauft im Dezember teurer. Der Zeitversatz zwischen tiefem Einkauf und angekündigter Preiserhöhung ist selbst ein Margenfaktor.

Das Risiko der Trockenheit tragen die Produzenten

Die Rechnung fällt einseitig aus. Die Bauern können den Zeitpunkt der Schlachtung nicht wählen und erhalten für ihre Tiere weniger, weil alle gleichzeitig liefern müssen. Der Verarbeiter steuert Mengen, lagert ein und gibt Preise weiter. Fehlendes Schweizer Rindfleisch ersetzt Bell zunehmend durch Importe.

Wer erklärt, Preisbewegungen in beide Richtungen weiterzugeben, muss dies belegen. Sinken die Produzentenpreise um 30 Rappen, während die Ladenpreise für Verarbeitungsfleisch unverändert bleiben, entsteht der Gewinn nicht am Markt, sondern in der Mitte der Kette. Glaubwürdig wird die Ankündigung erst, wenn die höheren Preise ab September auch bei den Produzenten ankommen. Für die Betriebe zählt nicht die Prognose eines Engpasses, sondern die Abrechnung für die Tiere, die sie jetzt abliefern müssen.

Bild: Fleckviehkuh am Oeschinensee, Foto Kim Hansen, Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 3.0

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