Meat Exhaustion Day: Eine Kampagne mit dünner wissenschaftlicher Grundlage
Die Tierschutzorganisation VIER PFOTEN hat Anfang Mai 2026 zum wiederholten Mal den sogenannten Meat Exhaustion Day ausgerufen. Demnach habe die Schweizer Bevölkerung bereits am 7. Mai die empfohlene Jahresration an Fleisch aufgebraucht. Was als Warnsignal inszeniert wird, basiert auf einer wissenschaftlich umstrittenen Referenzgrösse und verschweigt zentrale Gegenargumente aus der Ernährungsmedizin.
Die Berechnung von VIER PFOTEN stützt sich ausschliesslich auf die Empfehlungen der EAT-Lancet-Kommission, die einen maximalen Jahreskonsum von 16,4 Kilogramm Fleisch pro Person vorschlägt. Die Kommission, getragen von 19 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter anderem der Harvard University und des Stockholm Resilience Center, hatte 2019 ausgerechnet, wie ein weltweit gültiger Speiseplan aussehen müsste, der gesund und ressourcenschonend ist.
Die Empfehlung war von Beginn an umstritten. Die EAT-Lancet-Empfehlungen können nur als Richtwerte fungieren, schrieb das Wissenschaftsmagazin Spektrum damals. Die geringere Bioverfügbarkeit von Proteinen und wichtigen Mikronährstoffen aus pflanzlichen Lebensmitteln im Vergleich zu Lebensmitteln tierischen Ursprungs wurde in keinem dieser Berichte angemessen anerkannt oder behandelt, kritisierte Professorin Alice V. Stanton von der Universität Dublin in einem Beitrag für die Fachzeitschrift Nature.
Obwohl viele dieser Fehler und Einschränkungen auch von den EAT-Lancet-Autoren eingeräumt wurden, sind die veröffentlichten Arbeiten nicht korrigiert worden.
Eine Kampagnenrechnung, keine Ernährungsempfehlung
Der Meat Exhaustion Day ist kein wissenschaftliches Messinstrument, sondern ein Kampagnenformat. Berechnet wird der Tag, indem man den jährlichen Pro-Kopf-Konsum von Fleisch mit der sogenannten Planetary Health Diet vergleicht, die VIER PFOTEN selbst als Referenz gewählt hat. Der Zirkelschluss ist offensichtlich: Die Organisation wählt eine Empfehlung, die den höchstmöglichen Kontrast zum tatsächlichen Konsum erzeugt, und präsentiert das Ergebnis als Alarmzeichen.
Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE), deren Empfehlung deutlich moderater und auf die hiesige Bevölkerung zugeschnitten ist, empfiehlt laut VIER PFOTEN selbst maximal zwei bis drei Fleischportionen pro Woche. Das entspricht einer Grössenordnung von rund 25 bis 30 Kilogramm jährlich, also fast doppelt so viel wie die EAT-Lancet-Marke. Diese Zahl kommt in der Medienmitteilung nicht vor.
Ebenso wenig erwähnt wird, dass ein neuerer Kritikpunkt aus dem Jahr 2023 mögliche Nährstofflücken betrifft: Wenn man die EAT-Lancet-Diät strikt befolgt, ohne sorgfältig zu planen, kann es zu Mängeln an Vitamin B12, Calcium und Eisen kommen, besonders bei Frauen.
Was die Altersmedizin sagt
Besonders die pauschale Aussage, der Fleischkonsum gefährde die Gesundheit, greift zu kurz. Aktuelle Erkenntnisse der Altersmedizin bewerten Fleisch als wertvolle Protein- und Nährstoffquelle für Senioren, um Muskelabbau vorzubeugen und den speziellen Bedarf zu decken.
Viele ältere Menschen leiden unter sogenannter anaboler Resistenz, bei der der Körper stärkere Reize braucht, um Muskelmasse zu erhalten. Tierisches Eiweiss besitzt ein Aminosäureprofil, das dem menschlichen Muskel sehr ähnlich ist. Vor allem die Aminosäure Leucin gilt als Schlüssel für den Muskelaufbau.
Neueste Leitlinien empfehlen deutlich höhere tägliche Proteinmengen für Senioren als bei jüngeren Erwachsenen. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass tierisches Protein für den Erhalt der Muskulatur im Alter etwas besser geeignet ist als pflanzliches Eiweiss. Wer den Fleischkonsum älterer Menschen mit der EAT-Lancet-Marke vergleicht, ohne diese Zusammenhänge zu nennen, betreibt eine selektive Darstellung.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem der Quelle: VIER PFOTEN ist eine Tierschutzorganisation, die sich hauptsächlich aus Spenden finanziert. Die Reduktion des Fleischkonsums ist erklärtes Organisationsziel. Kampagneninhalte wie der Meat Exhaustion Day dienen auch der Spendermobilisierung. Das ist legitim, aber als journalistische Quelle für Ernährungsempfehlungen taugt eine Interessengruppe nur bedingt.
Die schweizerische Sektion von VIER PFOTEN wurde bereits 2010 in einem Artikel der Weltwoche von ehemaligen Mitarbeitern wegen Intransparenz und dem Einsatz von Spendengeldern für öffentlichkeitswirksame Kampagnen kritisiert. Die Kritik an Tierwohl und Intensivhaltung hat durchaus eine sachliche Grundlage. Darüber lässt sich ernsthaft diskutieren. Der Meat Exhaustion Day jedoch ist kein Beitrag zu dieser Diskussion. Er ist eine Zahl, die wirken soll, nicht erklären.