Weniger Fleisch, kürzere Öffnungszeiten: Migros-Chef warnt vor SVP-Initiative
Migros-Chef Mario Irminger ergreift das Wort im Abstimmungskampf zur SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz». Er zeichnet ein konkretes Bild der Folgen für den Detailhandel und die Fleischverarbeitung. Für Micarna, den grössten Fleischverarbeiter der Migros, wären die Konsequenzen besonders spürbar.
Die Volksinitiative der SVP, über die am 14. Juni 2026 abgestimmt wird, will die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bis 2050 auf unter zehn Millionen Menschen begrenzen und sieht im Extremfall die Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU vor. Bundesrat und Parlamentsmehrheit empfehlen die Ablehnung. Migros-Chef Mario Irminger, der als Präsident des Branchenverbands IG Detailhandel auch für Coop und Denner spricht, erklärt im Interview mit der Aargauer Zeitung, weshalb die Initiative seinen Betrieb im Kern trifft.
Konkrete Zahlen bei Micarna
Irminger nennt konkrete Zahlen: Bei Micarna, einem der grössten Fleischverarbeiter der Schweiz mit rund 3000 Mitarbeitenden, sind bereits heute 60 Prozent der Belegschaft ausländische Staatsangehörige. In der Zerlegerei, wo das Fleisch ausgebeint wird, liegt der Anteil sogar bei 90 Prozent. Damit nicht genug: In den nächsten Jahren werden rund 20 Prozent der Belegschaft pensioniert, also etwa 540 Personen. Dazu kommt eine jährliche Fluktuation von 10 bis 15 Prozent. Wie Irminger gegenüber der AZ ausführte: «Es ist jetzt schon schwierig, die Stellen zu besetzen.»
Eine Annahme der Initiative würde diese ohnehin angespannte Lage deutlich verschärfen. Die Konsequenz formuliert Irminger direkt: kürzere Öffnungszeiten, weniger Filialen und weniger Fleisch mit weniger Auswahl an der Theke. «Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der heutige Servicelevel in der Verarbeitung ebenso wie in den Läden nicht mehr aufrechterhalten werden kann», so Irminger im Interview.
Keine Schweizer für schwere Arbeit
Den Hinweis, ob höhere Löhne das Problem lösen könnten, weist Irminger zurück. Die Löhne seien angemessen, der Mindestlohn für Ungelernte liege bei 4200 Franken. Das eigentliche Problem sei struktureller Natur: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Pension, während sich im Inland schlicht keine ausreichende Anzahl Arbeitskräfte für die körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten in der Fleischverarbeitung findet. Vor zehn Jahren war das Verhältnis laut Irminger noch ein anderes, Schweizer und Ausländer hielten sich bei Micarna die Waage. Seither hat sich die Zusammensetzung der Belegschaft grundlegend verschoben.
Die Frage, ob die fehlenden Arbeitskräfte durch Fleischimporte kompensiert werden könnten, beantwortet Irminger mit einem klaren Nein. Ein Umstieg auf Importfleisch würde die rund 47’000 landwirtschaftlichen Betriebe der Schweiz hart treffen, die auf die inländische Verarbeitung angewiesen sind, und hätte weitreichende Folgen für die Landwirtschaft und den Bergtourismus. Einfache Lösungen, so Irminger, schufen stets eine Reihe neuer Probleme.
Quellen Aargauer Zeitung, Interview mit Mario Irminger, 2. Mai 2026: «Kürzere Öffnungszeiten, weniger Filialen, weniger Fleisch: Migros-Chef warnt vor SVP-Initiative»