Greenpeace kritisiert die Proteinverteilung bei den Schweizer Lebensmittelanbietern Coop und Migros und fordert eine deutliche Verschiebung hin zu pflanzlichen Produkten. Die Debatte darüber mag legitim sein, verdient jedoch eine differenzierte Betrachtung. In einer offenen Gesellschaft, welche nach marktwirtschaftlichen Regeln funktioniert, soll die Wahl der Proteinquelle bei den Konsumentinnen und Konsumenten liegen. Tierische Proteine haben ernährungsphysiologische, kulturelle und landwirtschaftliche Bedeutung, die in der Diskussion nicht ausgeblendet werden sollte.
Greenpeace Schweiz analysierte das Online Sortiment von Coop und Migros zum Stichtag 30. November 2025. Das Resultat: Rund neunzig Prozent der angebotenen Proteine stammen aus tierischen Quellen, nur zehn Prozent aus pflanzlichen. Auch bei Aktionen dominieren Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte.

Die Umweltorganisation fordert deshalb eine Neuausrichtung bis 2035. Sechzig Prozent der verkauften Proteine sollen pflanzlich sein, so die Vorstellung von Greenpeace. Damit, so die Argumentation, würden Klimagasemissionen reduziert, die Gesundheit geschützt und der Selbstversorgungsgrad erhöht.
Migros und Coop staatlich regulieren?
Eine zentrale Frage bleibt offen: Bildet das Sortiment primär die Nachfrage der Kundschaft ab oder steuert es diese aktiv? Detailhändler reagieren grundsätzlich auf das Konsumverhalten. Der hohe Anteil tierischer Produkte dürfte deshalb nicht allein Ausdruck einer Strategie sein, sondern auch Spiegel der realen Nachfrage in der Schweiz.
Eine starre Quote von sechzig Prozent pflanzlichen Proteinen greift daher in die unternehmerische Freiheit ebenso ein wie in die Wahlfreiheit der Konsumentinnen und Konsumenten. Wer Fleisch, Käse oder Eier bewusst konsumiert, soll dies weiterhin tun können, ohne dass politische Zielvorgaben indirekt das Angebot verengen.
Fleisch, Fisch und Milchprodukte liefern wichtige Mikronährstoffe
Tierische Proteine weisen eine hohe biologische Wertigkeit auf. Sie enthalten alle essentiellen Aminosäuren in günstiger Zusammensetzung. Zudem liefern Fleisch, Fisch und Milchprodukte wichtige Mikronährstoffe wie Vitamin B zwölf, gut verfügbares Eisen, Zink oder Omega drei Fettsäuren.

Pflanzliche Proteine können einen wertvollen Beitrag leisten, erfordern jedoch oft eine bewusste Kombination verschiedener Quellen, um eine vergleichbare Aminosäurebilanz zu erreichen. Eine ausgewogene Mischkost kann beide Ansätze sinnvoll verbinden. Die pauschale Gleichsetzung von tierischen Proteinen mit Gesundheitsrisiken greift zu kurz. Entscheidend sind Menge, Qualität, Verarbeitung und Gesamternährung, nicht allein die Herkunft des Proteins.
Landwirtschaft ist Teil eines geschlossenen Nährstoffkreislaufes
Die Schweizer Landwirtschaft basiert zu einem grossen Teil auf Grünland. Weideflächen im Berggebiet lassen sich kaum in Ackerland für pflanzliche Proteinkulturen umwandeln. Rinder und andere Wiederkäuer verwerten Gras und Nebenprodukte, die für den Menschen nicht direkt nutzbar sind.
Tierhaltung ist damit in vielen Regionen integraler Bestandteil geschlossener Nährstoffkreisläufe. Eine pauschale Reduktion tierischer Produktion hätte auch strukturelle Folgen für Berggebiete, Kulturlandschaft und Wertschöpfungsketten im ländlichen Raum.
Transportwege von Lebensmitteln reduzieren und lokal einkaufen
Unbestritten ist, dass die Ernährung einen relevanten Anteil am Klima Fussabdruck hat. Ebenso richtig ist, dass Emissionen gesenkt werden müssen. Doch auch hier gilt es, differenziert zu argumentieren.
Die Emissionen unterscheiden sich je nach Produktionssystem, Herkunft und Transportweg erheblich. Regional erzeugtes Fleisch aus Weidehaltung ist nicht automatisch mit intensiv produzierten Importprodukten vergleichbar. Zudem spielen Lebensmittelverluste, Verpackung, Energieeinsatz und Konsummuster eine Rolle. Eine einseitige Fokussierung auf das Verhältnis tierisch zu pflanzlich blendet diese Komplexität aus.
Grundsatzfrage der Volkserziehung über Regulation
Greenpeace fordert eine Zielvereinbarung zwischen Bund und Detailhandel im Rahmen der Agrarpolitik. Solche Ansätze sind politisch legitim. Dennoch stellt sich die grundsätzliche Frage: Soll der Staat über Zielquoten definieren, was im Einkaufswagen landet?
In einer offenen Gesellschaft entscheidet der Mensch selbst, in welcher Form er Proteine zu sich nimmt. Information und Transparenz sind sinnvoll. Lenkende Vorgaben, die faktisch in Richtung eines bestimmten Ernährungsstils drängen, sind kritisch zu hinterfragen.
Die Zukunft der Ernährung liegt nicht in Verboten oder Quoten, sondern in Qualität, Vielfalt und verantwortungsbewussten Konsumentscheidungen. Pflanzliche und tierische Proteine müssen keine Gegensätze sein. Entscheidend ist, dass Konsumentinnen und Konsumenten frei wählen können, gut informiert und ohne ideologische Scheuklappen.




