Die Schweizer Fleischbranche steht unter wachsendem Druck. Steigende Kosten, zunehmende Regulierung und politische Reformen fordern insbesondere das Metzgereigewerbe stark heraus. Damian Müller, Präsident des Schweizer Fleisch Fachverbandes, warnt in einem Interview bei foodaktuell vor zusätzlichen Belastungen durch das Entlastungsprogramm des Bundes und plädiert für Augenmass in der Agrar und Wirtschaftspolitik.
Ein Verband zwischen Grossindustrie und Handwerk
Der Schweizer Fleisch Fachverband vereint sowohl internationale Konzerne wie Bell oder Micarna als auch kleine und mittlere Metzgereibetriebe. Laut Damien Müller, Präsident des Schweizer Fleisch Fachverbandes besteht die zentrale Aufgabe darin, die unterschiedlichen Interessen auszubalancieren und gemeinsame Themen voranzubringen.
Dazu zählen insbesondere die Nachwuchsgewinnung, der Fachkräftemangel und stabile Rahmenbedingungen für die gesamte Branche. Der persönliche Austausch mit Betrieben jeder Grösse gilt dabei als wichtiges Führungsinstrument.
Preisdruck und Aktionspolitik
Mit Sorge blickt der Verbandspräsident auf die ausgeprägte Aktionskultur im Detailhandel. Grosse Preisdifferenzen bei inländischen Fleischprodukten schadeten dem Markt insgesamt und setzten die handwerklichen Betriebe zusätzlich unter Druck. Besonders problematisch sei es, wenn Qualitätsprodukte aus Schweizer Herkunft dauerhaft über Aktionen entwertet würden.
Strukturwandel ohne Konsumrückgang
Der Fleischkonsum in der Schweiz zeigt sich stabil bei rund 50 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Betriebe kontinuierlich ab. In den letzten zehn Jahren sank sie von rund 1100 auf 900 Metzgereien. Für die kommenden Jahrzehnte wird ein weiterer Rückgang erwartet.
Die Zahl der Beschäftigten bleibt jedoch konstant, was den Fach und Arbeitskräftemangel zusätzlich verschärft. Erfolgreich sind vor allem innovative Betriebe mit starker lokaler Verankerung und ergänzenden Angeboten wie Partyservice oder Gastronomie.
Schlachthöfe zwischen Regionalität und Effizienz
Beim Thema Schlachthöfe spricht sich Müller für eine marktwirtschaftlich getragene Balance aus. Regionale Betriebe sollen dort bestehen, wo sie wirtschaftlich sinnvoll sind und Mehrwert schaffen. Gleichzeitig sei eine gewisse Zentralisierung notwendig, um Effizienz, Versorgungssicherheit und Innovationskraft zu gewährleisten. Neue Schlachthöfe seien oft moderner und besser ausgerüstet als ältere Anlagen, was ebenfalls für einen differenzierten Ansatz spreche.
Zollkontingente und Bundesfinanzen
Deutliche Kritik übt der SFF Präsident an den Plänen des Bundes, mehr Rindfleisch Zollkontingente zu versteigern. Höhere Importkosten würden Produkte verteuern und den Einkaufstourismus ankurbeln, ohne die strukturellen Probleme des Bundeshaushalts zu lösen. Der Bund habe ein Ausgaben und kein Einnahmenproblem, so seine Ausführungen bei foodaktuell. Auch die geplante Abschaffung der Entsorgungsbeiträge sieht Müller kritisch, da diese im Seuchenfall eine wichtige Funktion erfüllen.
Tierhaltung und Inlandleistung
Besonders im Geflügelbereich warnt Müller vor einer Schwächung der Inlandproduktion. Während ein grosser Teil der Importe aus Brasilien stammt, werde der Ausbau heimischer Tierhaltungen durch Bau und Umweltauflagen erschwert. Dabei könnten hohe Schweizer Tierhaltungsstandards einen klaren Wettbewerbsvorteil darstellen.
Sozialpartnerschaft unter Druck
Obwohl sich der SFF und der Metzgereipersonalverband kürzlich auf einen neuen Gesamtarbeitsvertrag geeinigt haben, scheiterten die Lohnverhandlungen für 2026. Müller betont die Bedeutung der Sozialpartnerschaft, warnt jedoch vor Forderungen, die für viele Betriebe nicht tragbar seien. Neben Lohnerhöhungen brauche es auch andere Massnahmen, um die Attraktivität der Berufe in der Fleischbranche zu sichern.
Fleischkonsum, Alternativen und Transparenz
Vegetarische und vegane Produkte betrachtet Müller als Teil der Ernährungsfreiheit. Ihr Marktanteil bleibe jedoch begrenzt. Wichtig sei aus seiner Sicht eine klare und ehrliche Deklaration, damit pflanzliche Produkte nicht mit Fleischbezeichnungen vermischt würden. Die Diskussion um Nachhaltigkeit müsse stets die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigen.
Futtermittel und Nachhaltigkeit
Auch als Präsident der Vereinigung der Schweizer Futtermittelfabrikanten setzt sich Müller für Transparenz und verantwortungsvolle Beschaffung ein. Ein Grossteil der in der Schweiz verwendeten Soja stammt aus Europa und ist gentechnikfrei sowie entwaldungsfrei. Nachhaltigkeit sei kein Schlagwort, sondern ein langfristiger Prozess mit klaren Zielen und einem verbindlichen Fahrplan.
Qualität bleibt entscheidend
Am Ende steht für Müller stets das Produkt. Herkunft, Tierwohl und handwerkliche Verarbeitung seien zentral für die Akzeptanz bei den Konsumentinnen und Konsumenten. Fleisch habe weiterhin seinen Platz in einer ausgewogenen Ernährung, vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen erlauben eine verantwortungsvolle und wirtschaftlich tragfähige Produktion, so Müller im Interview mit foodaktuell.




